Meinen Selbstwert habe ich erkannt: Ich bin wertvoll, so wie ich bin, einfach "nur" durch mein Dasein. Wie wunderschön.

Verstanden habe ich es, ja, aber warum gehe ich trotzdem ständig über meine Grenzen?

Ich sag es dir: Ich glaube, ich muss es nicht nur verstehen. Ich muss erleben, dass ich für mich einstehen darf und trotzdem sicher bin. Dass ich „Nein“ sagen kann und nicht automatisch jemanden verliere. Dass mein Körper diese Erfahrung irgendwann genauso kennt wie mein Kopf.

Spannend oder? Für mich auch.
Viele Wochen und Monate bin ich herumgelaufen mit dieser Kontroverse:
Ich weiß doch, dass ich gut bin, so wie ich bin, ich klopfe doch jeden Tag meine positiven Glaubenssätze.
Warum aber schaffe ich es zum einen nicht für mich einzustehen und zum anderen nicht mir das zu glauben, was ich mir da jeden Tag sage?!

Ich komme also ins Fühlen. Das ist riiichtig harte Arbeit. Wie das härteste Volleyballtraining damals, mit blauen Flecken und schmerzenden Muskeln. Nur unsichtbar.

Geholfen haben mir Methoden für meine innere Arbeit und ganz viel üben. Immer und immer wieder.

Es ist nichts Verwerfliches daran auch mal "nein" zu sagen, auch mal zu sagen "heute habe ich ein Date mit mir, ich kann leider nicht."

Das kann ich wissen, aber wenn ich ins Fühlen komme, dann sieht das so aus:

Ich sage ein lang ersehntes Treffen mit einer Nachricht ab, die ich locker fünfmal neu schreibe, weil ich ein so schlechtes Gewissen dabei habe. Einen Anruf schaffe ich nicht.
"(...)Ich würde so gern kommen, aber ich bin heute wirklich am Limit, wir müssen unser Treffen bitte verschieben."

Abgeschickt. Dieses vertraute Ziehen im Bauch. Dieses Gefühl, ich hätte jetzt etwas kaputt gemacht. Mein Nervensystem hat auf Alarm geschaltet, als hätte ich gerade eine Beziehung aufs Spiel gesetzt und nicht einfach nur eine Grenze gesetzt. Krasse Gefühle machen sich in mir breit, das Warten auf die Antwort lässt mich fast verzweifeln, Schuldgefühle, Unsicherheit, der Gedanke "ich bin keine gute Freundin", alles kommt zusammen und dann kommt die Antwort: "Ok schade, erhol dich gut, Maus"

Und ich zerdenke diese Nachricht "sie ist traurig", "hat sie mich noch lieb?" und ich fange an zu klopfen "ich bin in Sicherheit", "ich bin geliebt, auch wenn ich "nein" sage".

Und ich rufe sie an.
Vergewissere mich, dass alles ok ist und ja, es ist völlig ok. Sie ist traurig darüber, weil sie mich gern gesehen hätte, das ändert aber nichts an unserer Freundschaft.

Ich komme ins Fühlen und darf spüren: Ich darf mich um mich kümmern und werde nicht nur trotzdem, sondern auch genau dafür geliebt.
Die Erkenntnis: Ich bin gut, so wie ich bin.

Was ich daraus mitnehme: Grenzen zu spüren ist kein Verrat an den Menschen, die ich liebe. Im Gegenteil: Sie helfen mir, ihnen wirklich zu begegnen, statt nur noch eine erschöpfte Version von mir selbst anzubieten. Ich begegne ihnen als ehrliche Version, mit all meinen Ecken und Kanten, mit meiner Energie und auch meiner Erschöpfung. Es zeigt mir und auch ihnen: Ich darf so sein, wie ich bin und motiviert sie so auch für sich einzustehen.

Und genau das möchte ich auch meinen Kindern vorleben. Ich bin nicht mehr die Mama, die immer funktioniert, egal was es sie kostet. Sondern die Mama, die sagt: "Ich brauche jetzt zehn Minuten für mich", auch wenn jemand anderes das gerade doof findet. Dass ein „Nein“ keine Liebeserklärung zurücknimmt. Dass ich Grenzen setzen und gleichzeitig verbunden bleiben kann.

Ich übe weiter. Tag für Tag, Grenze für Grenze. Und jedes Mal, wenn nichts Schlimmes passiert, wenn ich „Nein“ sage, geht diese Erkenntnis ein bisschen tiefer: Ich bin sicher. Auch dann, wenn ich für mich einstehe. Denn ich bin gut, so wie ich bin.

Vielleicht ist heute genau der Tag, an dem Du Deinem Körper die Erfahrung schenkst: Ich darf Nein sagen. Ich darf mich um mich kümmern. Und ich verlasse mich dafür nicht selbst.