Der Selbstwert entwickelt sich unter anderem durch die Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens machen. Durch die Art, wie andere Menschen uns begegnen. Durch die Reaktionen auf unsere Gefühle, unsere Bedürfnisse und unser Verhalten.

Darf ich widersprechen?
Darf ich Fehler machen?
Werde ich gehört, auch wenn ich unbequem bin?
Und bin ich noch richtig, wenn ich etwas falsch gemacht habe?

Diese Erfahrungen prägen mit, wie wir uns selbst sehen, wie wir mit Herausforderungen umgehen und ob wir uns zutrauen, für uns einzustehen.

Wenn wir das Bedürfnis hinter dem Verhalten erkennen, können wir anders auf unser Kind reagieren. Wir müssen es nicht beschämen oder bestrafen, um ihm Orientierung zu geben. Wir können sein Bedürfnis ernst nehmen und gleichzeitig eine Grenze setzen.

Das Kind erlebt dadurch: Meine Gefühle dürfen da sein. Meine Bedürfnisse sind wichtig. Und trotzdem kann nicht jeder Wunsch erfüllt werden.

Diese Erfahrung kann dazu beitragen, dass ein Kind sich selbst und andere zunehmend besser versteht.
Stell dir vor dir wäre so zugehört worden, wie du es gebraucht hättest. Stell dir vor, du wärst für dein Verhalten nicht bestraft worden, sondern hättest erklären dürfen, warum du so gehandelt hast?

Ich sage dir was passiert, wenn das der Fall ist:
Es entsteht eine ganze Welt, in der deine Stimme zählt, in der du weißt, dass du gut bist, so wie du bist, dass du Fehler machen darfst und dich selber gut spüren kannst. Wann brauchst du eine Pause, wie kannst du Herausforderungen meistern, du weißt genau was du brauchst und bist bereit anderen zu helfen, zum Wohle der Gemeinschaft beizutragen.

Man, was für ein Traum.

Wenn ich, als Mama, es also schaffe meine Kinder so zu begleiten, dann ist genau das ihre Welt. Die Welt drumherum mag rau und herausfordernd sein, aber innnen drin sind sie zuhause.

Hier ist eine Orientierung für dich in welchem Bedürfnisspektrum dein Kind sich wohl gerade bewegt:
Die folgenden Altersangaben sind eine grobe Orientierung, keine festen Entwicklungsstufen. Jedes Kind entwickelt sich individuell. Und die beschriebenen Bedürfnisse begleiten uns Menschen ein Leben lang.

Kinder bis etwa 3 Jahre wollen ihre Grundbedürfnisse erfüllt haben. Dabei brauchen sie natürlich unsere Hilfe.
Im Laufe der Zeit bringen wir ihnen bei, sich selbst um ihre Grundbedürfnisse zu kümmern. Wir begleiten unsere Kinder also auf dem Weg von der Abhängigkeit zur Selbstständigkeit.

Lass mich dir das Beispiel mit dem Essen näher bringen:
Wir füttern unser Baby, irgendwann bekommt es das Essen selbst in die Hand, dann den Löffel. Es matscht herum, bis es verstanden hat, dass es mit den eigenen Händen essen kann und irgendwann auch mit Besteck.
In ein paar Jahren wird es bereit sein, wenn es ihm jemand zeigt, sein Brot allein zu schmieren und irgendwann eigenständig zu kochen.
Das ist das Bild, das wir im Kopf behalten für jeden Schritt, jede Entwicklung, die unser Kind macht. Wir begleiten unser Kind stets auf dem Weg es selbst zu schaffen.

Ab 1,5 Jahren kann unser Kind schon in die erste Autonomiephase kommen. Es möchte alles selber machen: Selber essen, selber die Kerzen anmachen, alles "alleine".

Je selbstständiger unsere Kinder werden möchten, desto wichtiger bleibt unsere Aufgabe, ihnen Sicherheit und Orientierung zu geben. Dazu gehören klare Grenzen.

Möchte ein zweijähriges Kind selbst die Kerzen anzünden, dürfen wir Nein sagen. Weil wir für seine Sicherheit verantwortlich sind. Wir können seinen Wunsch nach Selbstständigkeit ernst nehmen und trotzdem entscheiden, dass wir das Anzünden der Kerzen übernehmen.

Vielleicht darf unser Kind dafür die Kerzen auf den Tisch stellen oder beim Dekorieren helfen.

So erlebt es beides: Ich darf selbstständig werden. Und ich kann mich darauf verlassen, dass meine Eltern Verantwortung übernehmen, wenn ich Schutz brauche.

Zwischen 6 und 9 Jahren beginnt die Zeit, in der die Kinder nach Zugehörigkeit suchen. Wer bin ich eigenlich in den unterschiedlichen Bereichen meines eigenen Lebens? Welche Rolle spiele ich in der Familie, in meiner Mannschaft, meiner Klasse? Die Kinder fangen an selber entscheiden zu wollen, die Freundschaften gewinnen an Bedeutung.

Ab 10 etwa kommt das Bedürfnis nach Wertschätzung hinzu. Werde ich gesehen und gehört? Bin ich geliebt, auch, wenn ich Fehler mache oder in der Schule nicht die Leistung bringe, die ich eigentlich könnte? Darf ich nein sagen und für mich einstehen? Die Pubertät beginnt und die Kinder werden zu Teenagern. Das Gehirn wird zur Baustelle und die Hormone lassen sie ganz schön Achterbahn fahren.

Als Eltern beginnt jetzt eine erneute, spannende Phase des Loslassens. Die Kinder wollen und sollen ihre eigenen Erfahrungen sammeln und im besten Falle kommen sie zu uns, wenn ihre Erfahrungen nicht ihrer Vorstellung entsprachen, wenn sie mist gebaut haben und wenn sie hilfe brauchen.

Wenn wir Eltern ihnen in den Jahren zuvor überwiegend die Möglichkeit gegeben haben, sich so zu entwickeln, wie sie es brauchten, mit liebevoller Führung, Klarheit und auf Augenhöhe, so ist ein wichtiger Grundstein für die Entwicklung des SELBST eines Kindes gelegt.

Wir können den Grundstein dafür legen, dass unsere Kinder lernen, sich selbst auch in schwierigen Momenten nicht grundsätzlich infrage zu stellen. Und gleichzeitig wissen wir: Wir werden nicht immer so reagieren, wie wir es uns vorgenommen haben. Wenn wir laut werden, obwohl wir ruhig bleiben wollten. Wenn wir Grenzen übergehen, obwohl wir unseren Kindern zeigen möchten, wie wichtig ihre Grenzen sind. Wenn wir in alte Muster rutschen, die wir eigentlich längst abgelegt haben. Und wenn es uns auch nicht immer gelingt ohne Bestrafung, ohne Bewertung und mit ganz viel Geduld die eigenen Kinder zu begleiten, so sind wir doch die Cyclebreaker, die ihr bestmögliches versuchen und eine Generation Kinder in diese Welt schicken, für die die Worte: Empathie, Glaubenssätze, Bedürfnisse, Stop, uvm. keine Fremdwörter mehr sind.

Manchmal denke ich: Take me back to the 90s.

Und manchmal wünsche ich mir, ich könnte 20 Jahre in die Zukunft schauen, um zu sehen, wie diese Kinder die Welt gestalten werden.

Bis dahin mach ich die Welt, wie sie mir gefällt. Machst Du mit?